Moderator und Sprecher für die Moderation auf Englisch und Deutsch
Es war schon ein neuer Vorgang, wenn auch vielleicht nicht der letzte dieser Art: Gestern abend hat ein Twittermitglied namens Marc unter der Kennung @JO31DH (->update: Konto inzwischen gelöscht) die tragische Geiselnahme von Schwalmtal live gewittert. Er konnte das weil er, wie er schrieb, den Polizeifunk abhörte und deshalb konnte er auch über den Polizeieinsatz zu der Geiselnahme berichten.
Das ganze ist in der Kombination illegal. (Update: Weshalb laut wdr.de die Polizei die Sache jetzt prüft).Der Twitterer gefährdete die Polizei-Aktion und damit das Leben Beteiligter. Und schließlich auch ethisch fragwürdig: Eine Geiselnahme it kein Fußballspiel, bei dem eine Live-Berichterstattung der Unterhaltung dient. Ton, Menge der Berichte und Inhalt müssen die Balance zwischen Information und Schutz der Betroffenen und Angehörigen halten. Das ist dem "Polizeifunker und Bürger", wie er sich nannte, vorsichtig formuliert, misslungen.
Als traditioneller Journalist könnte man jetzt leicht sagen: "Sage ich ja, man muss bei sowas Profis ranlassen." Sage ich aber ausdrücklich nicht. Denn erstens können wir das Rad nicht zurückdrehen und zweitens bin ich als klasischer Journalist immer vorsichtig - grundsätzlich ist gerade in solchen Situationen niemand vor Fehlern gefeit. Wichtiger als die Frage: "Wer veröffentlicht?" scheint mir dehalb die Frage nach dem "wie".
Ich glaube, drei Dinge bleiben für uns alle, die wir - wie auch immer - medial unterwegs sind.
Exklusive Information ist verführerisch. Ein Moment der Wichtigkeit lockt, endlich einmal hören alle zu, womöglich ruft noch jemand an und will einen O-ton. Dass Information aber auch handeln und Wirklichkeit verändern bedeuten kann - das ist nur den wenigsten klar. Unser Twitter von gestern hätte einen Polizeieinsatz sprengen können. Das ist die Verantwortung, die jetzt unter Umständen ein jeder tragen kann, auch wenn er nur am Laptop sitzt.
Das mitzunehmen aus den Vorgängen von gestern Abend wäre meiner Meinung nach lohnend, es gilt ja auch in scheinbar weniger dramatischen Entscheidungsfragen.
Technisch können wir nun alle veröffentlichen. Was eine Veröffentlichung aber für rechtliche, ethische und menschliche Konsequenzen für sich selbst und andere haben kann, das wissen nur die allerwenigsten - Als ich selbst einmal als Live-Reporter für von einer Geiselnahme zu berichten hatte, war ich heilfroh, eine Ausbildung darüber gehabt zu haben.
Jetzt aber wo wir alle in diese oder ähnliche Situationen kommen können, müssten auch alle eine wenigstens grundlegende Vorstellung von den Implikationen von Veröffentlichungen jeder Art haben. Hier aber hängt die Bildung dem Technologiefortschritt vollkommen hinterher. Und das ist nicht die Schuld derer, die twittern oder facebooken. Das ist ein Problem der Gesellschaft, die - so ist mein Gefühl - diese Notwendigkeit noch nicht erkannt hat und deshalb dafür noch keine Ressourcen zur Verfügung stellt.
Dass ich genau heute in einem Workshop mit Lehrern und Medienberatern zusammensitze ist ein seltsamer Zufall. Vielleicht ergibt es sich ja, dass auch darüber diskutiert werden kann. -> Udate: Natürlich haben wir darüber gesprochen und es war angenehm zu spüren, dass genau diese Sensibilität bei Verantwortlichen durchaus da ist. Ressourcen und Zeit z.B. in der Schule aber noch nicht. -> Update 2: Hubertus Heil (SPD) fordert heute im Interview mit @fiene und @franzscript -offenbar unabhängig von den Ereignissen von gestern - ein Schulfach "Neue Medien"
In jeder klassischen Redaktion gibt es das Vier-Augen-Prinzip. Keine Meldung geht raus, ohne dass ein zweiter Kollege sich das angeschaut und auf Schlüssigkeit, Legalität und Ethik durchgeschaut hat. Nicht so formal, da ist oft auch viel Bauchgefühl dabei. Aber: Es funktioniert doch erstaunlich meist erstaunlich gut.
In sozialen Medien könnten diese Rolle Mitglieder übernehmen. @PhillipOstrop und die @Rheinzeitung haben das gestern gemacht und den twitternden Bürgerreporter darauf hingewiesen, dass er gerade die Polizeiarbeit gefährdet. Leider klappt das bei Social Media natürlich immer erst, wenn das Kind schon ein bischen in den Brunnen gefallen ist, aber immerhin: @JO31DH hörte daraufhin wengistens auf, Details des Einsatzes zu twittern.
Die sich im Anschluss entfachende Diskussion fand ich jedenfalls ebenso positiv bemerkenswert. Wenn Ton und Inhalt des kritisierten Live-Twitterers nicht so unmöglich gewesen wären, würde es als Musterbeispiel von Selbstregulation taugen.
Ich frage mich: Wie ging es Ihnen? Wie haben Sie den live-Bericht von gestern gesehen? Schreiben Sie mir direkt hier und ich veröffentliche Ihren Kommentar hier (es sei denn Sie möchten das nicht). Ich freue mich auf Ihre Meinung per E-Mail oder Twitter.
Tim Schlüter
Update: Der Frage, ob man die Meldungen von @JO31DH in anderen Medien weiterverwenden darf oder sollte ist Marcus Schwarze von der HAZ aus Hannover hier nachgegangen.
Weitere Sichten gibt es von den gestern schon beteiligten @PhillipOstrop hier und @Rheinzeitung hier. In der Rheinzeitung morgen auch im Print.
Update 2: @JO31DH hat seinen Account offenbar gelöscht. Screenshot aber hier.
Identifizierbar ist der Twitterer auch weiterhin recht leicht über einen anderen Weg. Für den Tip darauf bin ich dankbar, Behörden würde ich ihn auf Anfrage selbstverständlich auch weitergeben. Ich möchte ihn allerdings hier oder auf Twitter nicht veröffentlichen.
Ich habe darüber nachgedacht und bin für mich zu folgendem Schluss gekommen: Wenn ich nach ethischen Regeln rufe, muss ich die auch an mich selbst anlegen. Da es mir hier ja nicht um eine Person und ihren Fehler, sondern um die Betrachtung eines Phänomens ging, lasse ich die Person jetzt einmal in Ruhe. Man kann ja auch Fehler machen, und es beim nächsten Mal besser machen und vielleicht ist auch @JO31DH doch zu dieser Einsich gekommen.
Ich hoffe, Sie haben Verständnis, dass ich hier versuche das tue, was ich oben von uns allen gefordert habe: Nicht veröffentlichen. Schreiben oder twittern Sie mir gern auch dazu Ihre Meinung!